Unsouverän

 09. November 2010 – von Leipzig + Kultur

Das Trauerspiel um den Posten des Leipziger Kulturbürgermeisters hat mit der heutigen, quasi öffentlichen Enthauptungmachtung von Michael Faber mitnichten sein Ende erreicht. Mit dem Liebes- und Aufgabenentzug durch OBM Burkhard Jung gestern Abend wurde das nächste Kapitel einer von Anfang mit Geschmäckle behafteten Geschichte aufgeschlagen. Man möchte fast hoffen, dass es das letzte von Fabers Amtszeit ist. Nicht nur zum Wohle der Kultur dieser Stadt, auch in Anbetracht der Tatsache, dass man eine Verlängerung dieses schmählichen politischen Umganges niemandem wünschen möchte. Nicht einmal einem offensichtlich seiner Aufgabe nur schwerlich gewachsenen Michael Faber.

Ihren Anfang fand die Posse um das Kulturbürgermeisteramt bereits im Jahr 2008 in der nicht enden wollenden oder könnenden Amtszeit von Dr. Georg Girardet. Dessen 17-jährige Amtszeit hatte man schon begonnen, mit Kontinuitität zu verwechseln, die Gewöhnung an die hochadelige Amtsführung des Grandseigneurs schien sich denn auch im Unwillen der Stadtratsfraktionen zu manifestieren, sich einen andere Person, oder – schlimmer noch! – eine andere Kulturpolitik für Leipzig vorstellen zu wollen. Die Erinnerung an die sich quälend hinziehende Auswahlzeit  für einen Nachfolger Girardets und deren Kandidatenverschleiß ist noch heute beschämend, konterkariert sie doch den Anspruch der Lokalpolitik, das kulturell wertvollste Klein-Paris der Welt zu sein, aufs offensichtlichste.

Den ersten Höhepunkt fand die Amtszeit Fabers so schließlich bereits vor seinem Amtsantritt. Eine breite Front Leipziger Kulturmacher, maßgeblich von Gewandhausdirektor Prof. Andreas Schulz und naTo-Geschäftsführer Falk Elstermann aufgerüttelt, wandte sich wenige Tage vor der anstehenden Wahl Fabers im Stadtrat mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit und zweifelten die Eignung des Verlegers für das Kulturbürgermeisteramt geräuschvoll an. Burkhard Jung und die LINKE-Fraktion zeigten sich überhaupt nicht amused, zumal im Vorfeld bereits die CDU-Fraktion den Kandidaten Faber als „zweite Wahl“ abqualifiziert hatte. Mit einer Verzweifllungskandidatur versuchte schließlilch der damalige Vorsitzende des Fachausschusses Kultur, Michael Kölsch, die Wahl Fabers zu verhindern. Mit bekanntem Erfolg.

Ab hier war die Stimmung nachhaltig vergiftet, auch wenn nach Fabers letztlich erfolgter Wahl alle Seiten darum bemüht waren, in der Öffentlichkeit gute Zusammenarbeit vorzutäuschen. Trotzdem war nicht zu übersehen, dass die gegenseitigen Vorbehalte tief verwurzelt waren. Faber hatte von Anfang an keine Chance. Nun muss man leider sagen:  er hat sie auch nicht genutzt.

Für die freie Kulturszene Leipzigs hatte sich durch den Amtswechsel von Georg Girardet zu Michael Faber wenig verändert. Girardet hatte über 17 Jahre keinen Hehl daraus gemacht, dass freie Kultur ihn nur am Rande interessiert und die Verantwortung hierfür generös an das Kulturamt delegiert. Dieser hochkulturelle Snobismus, der sich in den verglühenden Strahlen von Gewandhaus, Oper, Bachfest und Bildermuseum sonnte, diese großbürgerliche Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts ignorierte geflissentlich die Kraft der nachwachsenden Kultur dieser Stadt. Michael Faber trat ohne größere Bedenken in diese Fußstapfen seines Vorgängers, auch wenn sie sich schnell als deutlich zu groß für ihn herausstellen sollten.

Wenige Wochen vor seiner Wahl im Frühjahr 2009 traf sich die Initiative Leipzig+Kultur mit Michael Faber zu einem Gespräch, um seine Vorstellungen von Kulturpolitik in Leipzig, besonders die freie Kultur betreffend, zu hinterfragen. Es war ein freundliches, offenes Gespräch – ohne greifbare Aussagen. Verständlich auf der einen Seite, Michael Faber wollte sich in Unkenntnis des auf ihn zukommenden nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Traurig auf der anderen Seite, politischen Anspruch und ein belastbares Rückrat wurden nicht erkennbar. Von fundierter Kenntnis oder einem tiefgreifenden Interesse an der freien Szene ganz zu schweigen.

Die gestrige Aktion von Burkhard Jung mag nachvollziehbar sein. Michael Faber ist kein Homo politicus, ihm scheint das Gefühl für politische Manöver völlig abzugehen. Die Liste der Fettnäpfchen, die ihm in den Weg gelegt wurden ist ebenso lang wie die Beharrlichkeit erstaunlich ist, mit der Faber in jedes dieser Fettnäpfchen zielgenau hineintappte. Aber  Burghard Jungs Manöver ist ebenso populistisch wie durchschaubar – schließlich ist er maßgeblich mit dafür verantwortlich, dass Faber trotz vieler warnender Stimmen ins Amt gebracht wurde. Die gestrige Entmachtung Fabers ist nicht das stadtväterlich-weise Machtwort, als dass es der OBM zu verkaufen versucht. Dieser Handstreich ist am Ende nur das Eingeständnis, sich politisch verpokert zu haben und der Versuch, mit einem gewagten Wendemanöver aus der Sackgasse herauszukommen, in den sich die städtische Kulturpolitik hineinmanövriert hat. Schon vor (!) dem Amtsantritt Fabers, daran sei noch einmal erinnert.

Im Vorfeld der Veröffentlichung des gemeinsamen Rechtsgutachtens der drei Leipziger Kulturleuchttürme zur Novelle des sächsischen Kulturraumgesetzes war mit Faber vereinbart worden, das Gutachten zuerst der Sächsischen Staatsregierung zu übermitteln und danach – gemeinsam – vor die Presse zu treten. Mit dem süffisanten Hinweis, Faber sei im Urlaub und nicht per Handy erreichbar, wandten sich dann die Opponenten des Kulturbürgermeisters von Centraltheater, Oper und Gewandhaus gemeinsam mit Burghard Jung an die Medien. Ein klarer Hinweis darauf, über welchen Rückhalt Michael Faber in dieser Stadt noch verfügte. Nicht genug der öffentlichen Demütigung: Sollte der OBM gestern abend seinen Kulturbürgermeister tatsächlich telefonisch kastriert haben, um sich hernach der Debatte durch eine Dienstreise nach New York zu entziehen, dann darf das gerne als Beispiel für fragwürdigen politischen Stil in der Lokalpolitik überliefert werden.

Eine Entscheidung solcher Tragweite nicht persönlich zu übermitteln ist eines Souveräns (!) kaum angemessen. Da die beiden heute nicht gemeinsam vor die Öffentlichkeit getreten sind, sagt auch alles über den erwartbaren weiteren Verlauf. Dieser Vertrauensentzug ist ebenso temporär, wie es Fabers geplante Schließung des Naturkundemuseums war. Das Tischtuch ist zerschnitten, die Tage bis zur Abwahl Fabers dürfen getrost gezählt werden. Wenn es nicht so beschämend wäre, möchte man hoffen, es mögen nicht mehr viele sein.

Aus Sicht der freien Kulturszene bleibt die Trauer über zwei weitere verlorene Jahre. Das Kulturdezernat hat sich der freien Kultur dieser Stadt nicht angenommen, Gesprächs- und Arbeitsvorschläge ignoriert oder desinteressiert an das Kulturamt weiterverwiesen. Für die Initiative Leipzig + Kultur bleibt die Hoffnung, dass die Lähmung des Dezernates sich nicht verfestigt und dass eine schnelle Lösung für die unhaltbare Situation gefunden wird. Das gebieten nicht nur der Anstand und der Respekt vor Michael Faber, selbst, wenn er offensichtlich an seinem Amt gescheitert sein dürfte. Es sei daran erinnert, dass die Probleme, an denen er gescheitert ist, schon vor seiner Amtszeit zu erdrückender Größe angewachsen waren.

Ein schnelle Lösung fordert auch die schwierige finanzielle Situation, von der die Kultur dieser Stadt bedroht wird, und die rasches, entschlossenes und zukunftsweisendes politisches Handeln erfordert. Mit Interimslösungen und Verantwortungsrochaden, wie sie die kleinpariserischen Machtgeplänkel der letzten anderthalb Jahre nun hervorgebracht haben, ist dieser Stadt und seiner Kultur nicht zu helfen.