Freie Szene begrüßt die neue Fachförderrichtlinie Kultur

 07. Juli 2017 – von Sebastian Weber

Mit dem Entwurf der neuen Fachförderrichtlinie legte das Kulturdezernat am 29. Mai das Ergebnis eines jahrelangen, engagierten Abstimmungsprozesses zwischen Politik, Verwaltung und Freier Szene vor. Heute wurde die neue Fachförderrichtlinie Kultur mit großer Mehrheit vom Leipziger Stadtrat beschlossen. Damit schließt sich nach langer, intensiver Arbeit ein Kapitel – und ein neues öffnet sich. Denn: nach der Novellierung ist vor der Evaluierung und jedes erreichte Ergebnis ist ein Zwischenstand, den es zu verbessern gilt.

Erfreuliche Verbesserungen bei der Kulturförderung

Wir freuen uns, dass die neue Richtlinie viele Anregungen der Freien Szene aufgenommen und das Klima kooperativer Zusammenarbeit und Transparenz der vergangenen Jahre nun auch formal gefestigt hat.

Dass die Initiative Leipzig + Kultur in Zukunft je eine Person direkt in die Fachbeiräte der Sparten entsendet – also in die Gremien, die über die Förderanträge entscheiden – ist ein wichtiger, struktureller Erfolg. Auch dass die Fachförderrichtlinie erstmals eine „angemessene Vergütung“ der Künstlerinnen und Künstler in den Blick nimmt, ist ein wichtiger Schulterschluss der Stadt mit den bundesweiten Bemühungen um mehr Honorargerechtigkeit.

Von vielen Neuerungen der Fachförderrichtlinie profitieren die Künstler ganz direkt: so wurden Gast-spiel-, Debüt- und Konzeptionsförderung als zusätzliche Förderinstrumente eingeführt und eine zweite Antragsfrist eingerichtet. Die Transparenz des Vergabeverfahrens und der beteiligten Gremien wurde deutlich erhöht und mit der weiteren Ausdifferenzierung der Förderbereiche wird der gewachsenen Vielfalt der Leipziger Freien Szene Rechnung getragen. Anträge für Kleinstprojekte (bis 1.500 € Budget) können unterjährig ohne Fristbindung eingereicht werden und bei der Abrechnung genügt künftig der vereinfachte Verwendungsnachweis bei Projekten bis zu einer Förderhöhe von 15.000 €.

Nicht umgesetzte Forderungen der Freien Szene

Einigen Ideen der Freien Szene konnte sich das Kulturdezernat allerdings nicht anschließen. So hatte die Initiative Leipzig + Kultur ursprünglich noch weitere Fördermodelle gefordert – beispielsweise Stipendien oder spezielle Projektplanungsmittel.

Ebenfalls nicht durchsetzen konnte sich die Forderung, die Fachbeiräte sollten nicht nur über die Förderpriorität eines Antrags entscheiden, sondern auch über die zu bewilligende Förderhöhe und dabei ihre Kompetenzen aus der eigenen Kulturarbeit zur Geltung bringen. Dieses wurde mit dem heutigen Beschluss leider vertagt.

Evaluierung

Dennoch unterstützen die Szenevertreter der Initiative Leipzig + Kultur den vorliegenden Entwurf. Die erreichten Verbesserungen überwiegen deutlich und die vom Kulturdezernat angekündigte gründliche Evaluierung wird Gelegenheit geben, aus Erfahrung zu lernen und bei Bedarf zu korrigieren.

Und eben diese Innovation ist aus Sicht der Freien Szene besonders wichtig: erstmals soll die Wirksamkeit der Förderpraxis konzentriert evaluiert werden! Bei der Präsentation der neuen Fachförderrichtlinie in der Alten Börse erläuterte die zuständige Abteilungsleiterin des Kulturamtes, Frau Brodhun, die regelmäßige Überprüfung der Richtlinie mit dem engagierten Motto „Nach der Richtlinie ist vor der Richtlinie“ und informierte, dass eine gründliche Überprüfung bereits für das Jahr 2020 fest eingeplant sei.

… und wichtige Ergänzung!

Gerade hier sehen die Spartensprecher der Initiative Leipzig + Kultur aber den dringendsten Korrekturbedarf! Denn der konkrete Plan einer regelmäßigen Evaluierung wurde zwar bei der Präsentation vorgestellt, steht aber nicht schwarz auf weiß in der Richtlinie. Da zwischen Kulturdezernat, Stadtrat und Freier Szene Konsens darüber besteht, wie wichtig es ist, die Wirksamkeit der Förderpraxis laufend und praxisnah zu bewerten, gehen die Szenevertreter davon aus, dass der Punkt bisher nur redaktionell übersehen wurde.

Auch an anderer Stelle entdecken die Spartensprecher redaktionelle Lücken: das Ziel angemessener Honorar- und Personalausgaben wurde zwar in die Projektförderung aufgenommen, aber bei der Institutionellen Förderung vergessen. Und zur Einführung eines verbindlichen Rotationsprinzips bei der Besetzung der Fachbeiräte bestand in den Vorgesprächen ebenfalls Einigkeit, im Entwurfstext ist diese Regelung aber nicht zu finden.

Freie Szene in der Pflicht

Aus der erweiterten Mitsprache erwächst der Freien Szene auch eine größere Verantwortung. Bereits für die kommende Förderrunde soll Leipzig + Kultur je ein qualifiziertes Mitglied in die Fachbeiräte der Sparten entsenden. Angesichts der engen Terminkette bis zur Antragsfrist am 30. September ist das keine leichte Aufgabe, aber die Spartensprecher sind zuversichtlich, einen breit akzeptierten Lösungs-weg zu finden.

Fest steht, dass alle Kandidaten auf einer Vollversammlung der Initiative am 21. September bestätigt werden. Das oben erwähnte Rotationsprinzip für die Personalentsendung setzt Leipzig + Kultur dabei bereits um und hat entschieden, ihre Beiratsmitglieder alle drei Jahre auszuwechseln.

Links

Das Kulturamt hat die Powerpoint-Präsentation der neuen Förderrichtlinie online gestellt. Darin sind auch alle wichtigen Neuerungen zusammengefasst.

Im Gespräch mit der LVZ konnte Falk Elstermann erklären, warum die Initiative Leipzig + Kultur über die neue Richtlinie zwar erfreut, aber nich euphorisch ist. Der Artikel ist ebenfalls online.

Eine ähnliche Einschätzung gibt Sebastian Weber in seinem Interview mit dem Monatsmagazin Kreuzer.

Die zehnseitige Förderrichtlinie selbst findet sich im Informationssystem der Stadt Leipzig als PDF.