Die falsche Frage

 30. November 2010 – von Leipzig + Kultur

„Muss sich Kultur rechnen?“

Gegenfrage: „Muss das Essen satt machen?“

Man kann über solche Fragestellungen stunden-, tagelang und noch länger reden. Besonders überraschungsarm, wenn auf einer Kulturkonferenz die üblichen Verdächtigen von LVZ, MDR und Gewandhaus mit  immer der gleichen Kategorie Leuten darüber diskutiert. In einem solchen Rahmen sind die Antworten so voraussagbar wie die nächste Debatte darüber, dass die Kultur mehr Geld braucht / mit weniger Geld nicht mehr arbeitsfähig ist.

Welche Antwort hätten´s denn gern auf diese Frage?

Man ahnt dunkel, was auf dieser „Kulturkonferenz“ verhandelt werden soll.  Ohne viel Anstrengung hat man einen Sound im Ohr, ein Orchester aus öffentlichem Dienst, Gewerkschaftsversammlung, Tourismusförderung und Standortmarketing, aus Lobbyarbeit und Arbeitsplatzsicherung. Also genau den Klang, den Kunst und Kultur seit Jahrhunderten ursächlich zu erzeugen versuchen.

Die Fragestellung an sich ist in einer durchökonomisierten Gesellschaft natürlich kokett. Steilvorlage für Phrasen von Rettungsschirmen für die Banken, Werteverfallsklagen, Appelle für das Kulturerbe. Natürlich muss sich Kultur rechnen. So, wie sich Schulen, Altenpflege und Gesundheitssystem rechnen müssen. Rechnen müssen, das kann sich niemand aussuchen im Kapitalismus. Was die Fragestellung doppelt heuchlerisch macht und Hoffnung auf erleuchtende Antworten in den Mikrobereich sinken lässt.

Wie gehen wir miteinander um? Auf welchen gesellschaftlichen Grundvereinbarungen basieren unsere Entscheidungen? Die Antworten auf diese Fragen können weisen auch Kunst und Kultur ihren Platz in unserer Gesellschaft.  Die aktuellen Grundvereinbarungen sind hinlänglich bekannt, Kunst und Kultur sind genau dort, wo wir sie hinverwirtschaftet haben. Wollen wir das ändern, müssen wir unsere Gesellschaft ändern. Oder, passiver und ein wenig (fried)höflicher formuliert: In dem Grad, in dem sich unsere Gesellschaft wandelt, wandelt sich auch der Wert von Kunst und Kultur in ihr.

Muss sich Kultur rechnen ist als Frage wohlfeil. „Was sind wir bereit, für Kultur herzugeben?“, wäre eine schmerzlichere Formulierung. Weil dies natürlich auch für all die tariflich oder frei verhandelt bezahlten Intendanten, Schauspieler, Kartenabreißer, Dirigenten und Referenten in den Kulturbetrieben gilt, die am 3.12. ihre Stimme erheben. Wie viel seid ihr bereit zu geben von eurer Sicherheit, um das Wagnis Kunst einzugehen, um Kultur zu ermöglichen, um in unserer Gesellschaft ideell zu wirken?

Man kann noch drastischere Fragen formulieren: Wie sieht es aus mit der Generationengerechtigkeit? Warum müssen die Kinder von heute morgen dafür zahlen, was ihre Urgroßväter einst an Kunst erschufen, ihre Väter zu kulturellem Erbe erklärten? Was es ihnen, den Kindern, morgen möglicherweise unmöglich macht, ihre eigene Kunst, ihre eigene Kultur, ihre eigenen Institutionen zu schaffen, zu fördern, zu finanzieren, weil sie den ganzen alten Kram durchfüttern müssen?

Und, nicht zuletzt:  Was erwarten wir als Bürger für unser Geld? Was ist Kunst? Was liebgewonnene Rituale? Wollen wir mehr als Besitzstandswahrung und Selbstvergewisserung, dass wir Kulturbürger sind? Ist die Frage nach Kultur und Kunst, die ohne Bildung nicht möglich sind, nicht immer auch eine Frage nach der Macht, diese Bildung zu ermöglichen oder zu verwehren?

Wenn jemand Zeit hat, auf diese Veranstaltung zu gehen (ich hab sie leider nicht), dann darf er diese Fragen gerne stellen.